Fruchtfliegen

Woran denken Sie, wenn Sie in der Zeitung das Wort »Fruchtfliege« lesen? Vielleicht an den Biologieunterricht, in dem die Fruchtfliege als Modellorganismus in der Genetik vorgestellt wurde? Vielleicht an die gelben Klebstofffallen, mit denen man die ungebetenen Gäste vom sommerlich gefüllten Obstkorb fernhalten möchte? An das kurze Leben dieser Tiere? Oder an die Schäden, die man im Obstanbau befürchtet, wenn mal wieder eine Fruchtfliegenplage erwartet wird?

Wenn ich von solchen Schädlingen lese, dann denke ich manchmal auch an Professor Dietrich Dörner und sein Buch »Die Logik des Misslingens«. Dörner befasst sich darin mit Modellen für das Handeln in komplexen Situationen und erklärt an vielen Beispielen das Versagen von Führungskräften, die sich an der Lösung komplexer Problemen versucht haben. Wenn solche Führungskräfte eine Fruchtfliegenplage voraussehen, dann haben sie immer eine ganz schnelle Lösung parat: man könnte doch richtig kräftige Insektizide einsetzen oder man könnte tausende Menschen zum Einsammeln der Insekten auf die Felder schicken …

(mehr…)

Diäten? Zettel.

Das Thema der Abgeordneten-Diäten ist wieder en vogue?
Da verweise ich wieder auf Zettels Modell, das mich immer noch am meisten überzeugt.

Einfach? Zu einfach.

“Hohe Steuern treiben Deutsche außer Landes.”

Eine Schlagzeile von der man weiß, aus welcher Partei-Parolenschmiede sie stammt. Von der FDP.

Nun weiß ich, dass Medien Schlagzeilen benötigen. Sachverhalte müssen also einfach und kurz dargestellt werden. Aber ob eine solch grobe Vereinfachung dem politischen Ziel der Liberalen dienlich ist?

Denn das Abwandern dürfte mehr und vielleicht oft sogar andere Gründe haben als die hohe Steuerlast. Schließlich übt sich der deutsche Staat nicht nur durch das Steuererheben in Bevormundung*.
Gesetzliche Einschränkungen der beruflichen Freiheit. Eingriffe ins Privatleben. Es gibt mehr Gründe fürs Fortgehen als nur Steuern. (Und gelegentlich mag es ja auch nur das wärmere Klima auf Mallorca sein.)

Durch Schlagzeilen wie die oben zitierte wird die FDP in der Wahrnehmung der Bürger aber aufs Thema “Steuersenken” reduziert. Jeder, der diese Schlagzeile liest und der weiß, was Auswanderer konkret außer Landes gehen ließ, wird die FDP tendenziell nicht mehr ernst nehmen können.

———————————————————————————————
* Selbstverständlich bedeutet das Erheben von Steuern, dass der Staat dem Bürger Entscheidungsfreiheit wegnimmt. Verfügbares Geld bedeutet Entscheidungsfreiheit. Für Konsum, fürs Sparen, für Bildung, für Wohltätigkeit und so weiter. Beschneidet man das verfügbare Einkommen, beschneidet man die Freiheit des Einzelnen.

Einfach

Es könnte so einfach sein. Was in Notfällen so gut klappt, sollte doch irgendwann mal auch im Normalfall funktionieren.
Oder?

Respektlose Genossen

Das Geeier der SPD um die Bundespräsidentenfrage wird immer peinlicher.

Richtig frech wird es aber mit solchen Verlautbarungen :

Die SPD wolle zuerst Klarheit, ob Köhler erneut zur Verfügung stehe, sagte Heil. Das gebiete der Respekt vor dem höchsten Staatsamt: Sobald aber Bundespräsident Horst Köhler selbst erklärt habe, ob er für eine zweite Amtszeit kandidieren wolle, werde der SPD-Vorstand “unverzüglich” entscheiden, ob die Sozialdemokraten einen eigenen Kandidaten nominieren, sagte der SPD-General.

(mehr…)

Checkliste

Gefunden beim paxx:blog, Definition der Staatsgläubigen:

1. Sie überschätzen die Probleme einer freien Gesellschaft.

2. Sie unterschätzen die Problemlösungskompetenz freier Menschen.

3. Sie überschätzen die Problemlösungskompetenz des Staates.

4. Sie unterschätzen die Schädlichkeit staatlicher Interventionen.

Mein Tipp:
Kleinformatig ausdrucken und für den täglichen Gebrauch im neoliberalen Handtäschlein mitführen.

Unsolidarischer Sprachmüll

Ich habe gezögert. Soll ich auch noch die letzte Sau, die die Politik durchs Dorf treibt, durch Beachtung adeln? Im Kampf zwischen Klugheit und Brechreiz siegte aber letzterer. Deshalb:

„Wir brauchen eine neue Solidarität.”

Sagte laut z.B. FAZ der “Gesundheitsexperte” der Sozialdemokraten, Karl Lauterbach.

Würde man diese Aussage mit dem gesunden Sprachverständnis der deutschen Sprache Goethes und Schillers, Hesses und Benns oder auch nur der meiner alten Deutschlehrerin zu Abiturzeiten analysieren, würde man vermuten, Herr L. forderte seine Mitmenschen auf, Armen Gutes zu tun und zu helfen.
(mehr…)

Bundesliga-Notizen, letzter Spieltag

1:11 - mehr gibt es nicht zu sagen. Oder doch? (mehr…)

Selektive Wahrnehmung

Der Pantoffelpunk beschwert sich, dass einige Zeitungen darüber berichten, dass linksextrem wie auch islamistisch motivierte Straftaten im vergangenen Jahr deutlich zugenommen haben, während die Zahl der rechtsextrem motivierten Verbrechen zurückgegangen ist. Der Grund für seine Ablehnung ist dabei nicht, dass diese Aussage nicht stimmt, sondern er stößt sich offenbar vielmehr daran, dass dabei das Offensichtliche außer Acht gelassen wird: Die absolute Zahl der rechtsextremen Straftaten ist immer noch sechs Mal so hoch wie die der linksextremen und 24mal höher als die der islamistischen. Diese “freie Interpretation”, wie er es nennt, wird dann zum Anlass für eine der üblichen Tiraden zwischen Verschwörungstheorie und Agitprop, die sein Blog für mich unterhaltsam machen.

(mehr…)

Politiker in die Matrix!

Also dass sowas ernsthaft erwogen wurde, war mir entgangen.

Da wollte unsere allwissende und fürsorgende Regierung doch glatt alle Besitzer von selbstbewohnten Häusern dazu zwingen, “Dämm- und andere energetische Sanierungsmaßnahmen” treffen zu lassen.

Ich hätte noch bis vor kurzem solche drastischen Eingriffe in das Privatleben für unmöglich gehalten, aber der Klima-Wahn ist wohl letztlich wirklich nur eine andere Variante des Terrorwahns. Letzteres führt zu Überwachung, ersteres zu Enteignung. Hauptsache, unsere Politiker finden wieder ein paar Stellschrauben, ihre eigene Existenz zu rechtfertigen und die dumme, unwissende Masse auf den Pfad der Wachsamkeit und Tugend zurückzuführen.

Von jetzt an sehe ich eigentlich nur noch eine Möglichkeit: die Matrix für Politiker. Alle Menschen, die in sich den Drang verspüren, über das Geld ihrer Mitmenschen beliebig zu verfügen und ihnen auch sonst jederzeit vorschreiben zu können, was sie zu tun haben, werden kurz nach Auftreten der ersten Symptome betäubt und in einer Matrix verwahrt, die sie in eine Welt versetzt, die am besten mit einer Mischung der Computerspiele “Die Sims”, “Die Siedler” und “Sim City” beschrieben werden kann. Dort können diese armen Menschen dann ihre abnormen Verhaltensweisen nach Belieben ausleben, ohne den Rest zu belästigen.

P.S. Sollte sich irgendeiner nicht entblöden, hier an “Konjunkturförderung” zu denken, so frage sich dieser selbst, ob er ernsthaft der Ansicht sei, die Hausbesiter würden das Geld, dessen Verwendung ihnen der Staat so liebend gern vorschreiben möchte, stattdessen von ihren Konten abheben und verbrennen. Aber guter Lobbyismus der Bauwirtschaft ist das ohne Zweifel, herzlichen Glühstrumpf.

P.P.S. Immerhin wissen wir, wo der Feind steht:

Die SPD-geführten Ministerien für Umwelt und Bau wollen das Thema mit der 2012 geplanten Novelle der Energieeinsparverordnung neu auf die Tagesordnung setzen.

Ochs und Esel, schon klar. Müsst ihr eigentlich immer dem Zettel recht geben?

FTD-Kolumnisten für Obama

Während der typische Salonlinke sich noch darüber empört, dass bei SPON nicht alle der Obamania verfallen sind, wird bei der FTD ganz offen für den wahrscheinlichen Kandidaten der Demokraten zur US-Präsidentschaftswahl Partei ergriffen.

Nun ist es ja nicht so, als gäbe es überhaupt keine Gründe dafür. (mehr…)

Öffentlich-rechtliches EU-Bloggen

Für mich (und für uns hier beim BLOG, denke ich) macht das Schreiben hier vor allem Spaß. Und gelegentlich Mühe. Es ist definitiv Hobby und keine Arbeit, kein Journalismus.

Mancher mag in der Blogwelt Informationen finden, die ihm die der Journalismus nicht bietet.
Für mich ist das reizvolle an der Blogwelt vor allem die Vielfalt der Teilnehmer und Positionen und die Möglichkeit der direkten Kommunikation. Manchmal ist der Blog-Beitrag weniger wichtig (und von Form und Präsentation her weniger wertvoll) als die sich daran anknüpfende Diskussion. Selbst rechte oder linke Schundblogs taugen etwas. Dass sie nämlich die Diskussion extremer Meinungen und extremer politischer Dummheit anschaulicher werden lassen.

Nun kommt aus der politischen Kaste die Idee, man müsse die Blogwelt fördern. Ziel sei, «eine pluralistische Medienumwelt und kulturelle Vielfalt garantieren» (Quelle: Netzeitung). Stellen wir fest:
(mehr…)

Ich hab da mal eine Frage

Statler hat eine ganz bestimmte Sicht auf “die Befindlichkeit des Landes“, und wieder einmal dient ein Blogeintrag zum Positionieren durch Glaubensbekenntnisse.

Die einen wollen nichts anderes gelten lassen als ein Bild Deutschlands voller rechtsradikaler Gewalttaten und Ressentiments, denen durch staatliche Mittel in Form eines “Kampfes gegen rechts” zu begegnen sei.

Die anderen meinen noch ganz andere Befindlichkeiten in diesem Land betonen zu müssen und verweisen auf die “Migrantengewalt” (korrekter: Gewalt durch ausländische und deutsche Bürger mit Migrationshintergrund).

Und jeder fühlt sich durch den anderen bestätigt. Ziel erreicht, auf zum nächsten Mal.

Ich habe da aber noch eine Frage, die mir bislang in der Diskussion drüben nicht beantwortet wurde (wahrscheinlich, weil alle zu sehr mit ihren Schibboleths beschäftigt waren). (mehr…)

Doch sinnlos

Was ich schon im vergangenen September kritisiert habe, kommentiert jetzt auch die SZ entsprechend. Florian Töpfl macht klar, dass Jugendliche ohne Berufsausbildung in der Entwicklungshilfe nicht nur unnötig, sondern teils sogar eher schädlich sind - und sei es nur, weil man das Geld, das man für ihre Anwesenheit etwa in Afrika aufbringen muss, dann nicht mehr sinnvoll ausgeben kann. Töpfl zitiert:

»Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?«, fragt die Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl fast verärgert. Sie ist »entsetzt« über das neue Weltwärts-Programm der Bundesregierung. Die Professorin hält die Initiative für »grenzenlos populistisch«, weil sie kaum frage: Was brauchen die Menschen in diesen Ländern wirklich? Eines sei jedenfalls sicher, schimpft von Braunmühl: »An unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!«

Genau.

(via Verwickeltes)

Schwäbischer Qualitätsjournalismus

Aus liberaler Sicht ist der baden-württembergische Rigorismus, am diesjährigen Muttertag wegen eines der Mehrheit völlig unbekannten Festes den Verkauf von Blumen zu untersagen, ein weiteres Symbol staatlicher Machtanmaßung. Aber darum soll es hier ausnahmsweise mal nicht gehen.

Bundesweit bekannt in diesem Zusammenhang wurde der Versuch des Oberbürgermeisters von Bretten, dieses Verbot auf kreative Weise zu umgehen. Auch das “heute journal”, Flaggschiff des seriösen Verlautbarungsjournalimus im zweiten großen überregionalen öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal, berichtete davon. Allerdings fatalerweise verbunden mit einem Lob für “schwäbische” Findigkeit.

Liebe Mainzelmännchen, auch wenn euch euer Nachbarbundesland so unbeschreiblich weit weg erscheint: In Baden-Württemberg leben nicht nur Schwaben. Die da kein Hochdeutsch können, sind auch die Badener. Egal? Na, dann schickt doch mal den zuständigen Redakteur beim nächsten Heimspiel des KSC gegen den VfB vorbei. Am besten, er wendet sich gleich an ein paar der sympathischen jungen Herren mit den blauweißen Schals und den schwarzen T-Shirts, die zwischendurch gerne “ein Baum, ein Strick, ein Schwabengenick” skandieren, und erklärt ihnen, warum Bretten, die Stadt im Kraichgau und im Landkreis Karlsruhe, von nun an dem schwäbischen Landesteil zuzurechnen ist. Das dürfte dem Sparkurs, den ihr angeblich fahrt, sehr förderlich sein.

Aber etwas ernsthafter: Wenn ihr euch schon ein paar Kilometer weiter südwestlich nicht auskennt, wieviel Expertise soll ich euch eigentlich bei euren weltpolitischen Informationen zutrauen?

Abschied von den “Bissigen”

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Liebe B.L.O.G. Leser!

Das hier ist mein letzter Beitrag bei den “Bissigen Liberalen”.

Wie unschwer zu erkennen ist, habe ich seit fast einem halben Jahr hier keine Beiträge mehr geschrieben. Es wurde allmählich Zeit, dass ich diesen Schwebezustand, der etwa seit Weihnachten andauert, beendete.

Einer der Gründe dafür, dass ich auch vorher nur selten hier schrieb, ist der, dass mir, unter den Beiträgen, die mir “bloggenswert” erscheinen, ziemlich wenige sind, die auch für B.L.O.G. und - vielleicht noch wichtiger - zum B.L.O.G. passen.

Es gibt einige weitere Gründe, die vermutlich niemanden interessieren. Und ein paar, die sicherlich den einen oder anderen interessieren würden, über die ich es aber vorziehe, zu schweigen.
Ein entscheidender Grund ist aber der, dass ich bei einige Beiträgen hier im B.L.O.G. eine entschieden andere Position vertrete - und zwar so entscheidend, dass das nicht mit einem kritischen Kommentar getan ist.

Ich habe es mir jetzt ein halbes Jahr überlegt - hin und her. Es wird Zeit, dass ich endlich Nägel mit Köpfen machen.

Alles Gute, liebe B.L.O.G.!

Martin

Abdäit

Nach eindringlicher Ermahnung unseres Providers haben wir Wordpress mal auf die neueste Version aktualisiert. Für zwischenzeitliche Probleme bitten wir ebenso um Entschuldigung wie wir für alle Hinweise dankbar sind, die uns zeigen, wo es noch zwickt und zwackt.

Die rote Kelle

Die SPD hat im harten Rennen um die erfolgreichsten Maßnahmen zur Bevormundung der Bürger die Nase vorn. Das hat sie nicht nur Frau Bätzing und Frau Schmidt, sondern auch dem heldenhaften Einsatz des sächsischen Wirtschaftsministers Thomas Jurk zu verdanken. Während sich andere SPD-Politiker beispielsweise mit Vorschlägen zur Reduzierung der Alkoholsteuern des Alkoholgenusses hervortun, geht Thomas Jurk ganz neue Wege. Diesen Namen wird man sich merken müssen.

Thomas Jurk ist großen Teilen unseres Publikums wahrscheinlich noch unbekannt, deshalb möchte ich ihn wenigstens mit einem Satz vorstellen. Er ist seinem Parteivorsitzenden Kurt Beck in Beruf und Karriere sehr ähnlich: beide haben in einem Elektrobetrieb gelernt, beide bringen gern mal Spannung in die Koalition, beide fallen sonst nicht durch allzu große Erfolge auf und beide müssten sich eigentlich gegen einen stärkeren Koalitionspartner durchsetzen, denn bald sind wieder Wahlen.

Was kann man also tun, um in die Zeitung zu kommen? Kurt Beck spekuliert öffentlich über die Zukunft seiner Bartpracht und Thomas Jurk beschränkt sich nicht auf seine erfolglose Arbeit als sächsischer Wirtschaftsminister, sondern er zeigt selbst Einsatz im Kampf gegen »Verkehrssünder«. Nach einer Agenturmeldung des DDP hat sich am letzten Montag folgendes ereignet:

Der SPD-Landeschef und Vize-Ministerpräsident Jurk hatte sich am Donnerstag selbst einer «Dummheit» bezichtigt, weil er bei einer Fahrt im Dienstwagen auf der Autobahn 13 zwischen Berlin und Dresden am Montagabend einen Motorradfahrer mit einer Haltekelle herausgewunken hatte. Er und sein Fahrer hätten sich von dessen «auffälliger Fahrweise» genötigt und provoziert gefühlt. Zuvor habe der Brandenburger das Minister-Auto durch abwechselndes Fahren auf der linken und der rechten Spur am Überholen gehindert.

Immerhin scheint bei Thomas Jurk die Selbstwahrnehmung noch wesentlich besser zu funktionieren als bei SPD-Fraktions-Pullunder Stiegler. Der bezichtigte die Medien gleich mal des Mobbings gegen die SPD und ihren Vorsitzenden, wenn sie nicht wie gewünscht berichten.


Aus unserer Serie »Schöne Momente beim Bloggen«: Man sucht im Firefox auf einer Nachrichtenseite nach »Beck« und klickt auf »Abwärts«;-)

Geschichte aus erster Hand

Gestern traf ich auf einer Messe einen alten Mann. Seine Gebrechlichkeit - er ging, sehr tief gebückt, an zwei Krücken - sowie der dazu nicht passende Ort (ringsumher nur Anzugmenschen in vertrieblich-geschäftlicher Erregung) verleitete mich zu der Fehlannahme, ich hätte es mit einem dieser Werbegeschenksammler zu tun. Messeerfahrene werden sie kennen, diese Bettlern ähnlichen Leute mit den prall gefüllten Einkaufsbeuteln und Plastetüten.

“Sind Sie IT-Fachmann? Was bedeutet http?” fragte er mich. Eine ungewöhnliche Frage für einen Werbegeschenksammler. Nachdem ich seine Frage beantwortet hatte, kamen wir ins Gespräch. Im großen Kontrast zu seinem gebrechlichen Äußeren stand seine Neugier, die Klarheit seiner Gedankens und das Interesse an den Meinungen anderer.
Und dann erfuhr ich: Ein Blogger stand mir gegenüber!

Der 87-jährige Mann hat im letzten Jahr begonnen, seine Lebensgeschichte wie auch seine (”kunterbunten” nennt er sie) Gedanken über Gott und die Welt in eine Spracherkennungssoftware zu sprechen. Und eine Freundin von ihm füttert damit dieses Blog.

Man findet dort Biografisches (das Kürzel BI vor den Titeln kennzeichnet entsprechende Einträge), seine in der Gegend von Danzig beginnende und ihn durch Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung führende Lebensgeschichte. Daneben kann man auch seine (am Kürzel GK erkennbaren) Gedanken über dies und jenes, über Politik, die Gesellschaft und über seinen Gott lesen. Man erschrecke nicht: Der Mann hat Ansichten, die wohl teilweise recht abstrus erscheinen. Nicht nur, dass ihm Nation und “Volksgemeinschaft” wichtige Begriffe sind (auch, wenn er meiner Ansicht nach kein Nationalist ist). Bei Familien braucht es seiner Ansicht nach mindestens 3 Kinder, damit sich ein ominöser Gemeinschaftssinn “herbei-mendelt”. Und rund um eine befürchtete Begrenztheit der Erdölressourcen baut er fixe, von Zukunftsangst bestimmte Ideen auf. Man spürt, dass die Ideenwelt, in der sich sein Geist herausgebildet hat, die des Europas im beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts war.

Aber: Der Mann hungert förmlich nach Reaktionen und Meinungen zu seinen Thesen und Geschichten! Wer deshalb Lust und Zeit hat, möge sich doch dort als Kommentator betätigen. Es dürfte immer seltener werden, dass man mit Menschen einer solch langen Lebenserfahrung in Austausch treten kann. Nur etwas Geduld muss man sicher mitbringen. Die Antworten werden ihm in seine Offline-Welt übermittelt, dann dort von ihm beantwortet und zu seiner Freundin zurückgeschickt, die sie online stellt.

Wir Deutschen…

…haben eine ausgeprägte Neigung stets anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ob das nun bei Lebensmittelpreisen oder einfach nur im privaten Alltag der Fall ist. Ein besonders anschauliches Beispiel ist mir in einem Testbericht für ein Smart-Phone aufgefallen:

Das Gerät ist optisch gut gelungen und auch gut verarbeitet. Das verspiegelte Display ist zwar schick, wird jedoch sehr schnell fleckig wenn man das Telefon am Ohr hat was ein paar Minuspunkte gibt.

Vielleicht sollte sich der User einfach vor jedem Anruf die Ohren waschen.

Nächste Seite »